Gedenkstätte KZ Kochendorf, Bergrat-Bilfinger-Straße 1
Die Dauerausstellung im Salz- und Besucherbergwerk Kochendorf erinnert in 180 m Tiefe an das unsägliche Leid und Sterben, das Kochendorfer KZ-Häftlinge aus rund 20 Nationen vom September 1944 bis April 1945 erleiden mussten.
Nach heftigsten Bombenangriffen auf Rüstungsfabriken der Luftfahrt im Februar 1944 beschloss das NS-Regime deren Verlagerung unter Tage, auf Betreiben der Wirtschaft auch in abgebaute Firsten des Salzbergwerks Kochendorf. Auf 115.000 Quadratmetern Grundfläche sollte eine riesige Waffenfabrik unbeschadet von Bombenabwürfen Rüstungsgüter produzieren. Zusätzlich wurden zwei neue, infolge des Kriegsverlaufs nicht fertiggestellte Bergwerkszugänge gegraben: Ein zweiter Senkrechtschacht und ein Schrägstollen für den Abtransport der unter Tage gefertigten Güter. Das ganze Projekt erhielt den Tarnnamen "Eisbär". Zu den im Mai mit deutschen Facharbeitern und ausländischem Zwangsarbeitern begonnenen Arbeiten wurden ab September 1944 von der SS gemietete KZ-Häftlinge herangezogen. Sie mussten unter kümmerlichsten Verhältnissen Schwerstarbeit leisten und dabei Demütigungen und schlimmste körperliche Misshandlungen ertragen: Steine schleppen und Steine klopfen zum Schachtbau und fabrikgerechten Ausbau der Salzkammern und ab Januar/Februar 1945 Einsatz in der anlaufenden Produktion von Flugzeugturbinen bei der Ernst Heinkel AG und deren Partnerunternehmen, oder von U-Boot-Motoren für die Motorenwerke Mannheim AG und andere Arbeiten für regionale Rüstungsunternehmen. Einige KZ-Häftlinge wurden an lokale Bauern zur Hilfe bei der Landwirtschaft vermietet, andere mussten im Winter für die Gemeinde Schnee räumen und nach Fliegerangriffen Trümmer beiseiteschaffen und Gräber ausheben.
Die Häftlinge gehörten zum KZ Natzweiler/Elsass, das seine Gefangenen und die seiner linksrheinischen Außenlager vor den heranrückenden Alliierten in seine im Werden begriffenen Außenlager im Neckartal zwischen Heidelberg und Heilbronn, darunter auch Kochendorf, überstellte. Unterhalb des heutigen Krankenhauses am Plattenwald hatte die Organisation Todt ab August 1944 inmitten von Feldern das Lager für die als Metallfacharbeiter in der Rüstungsindustrie vorgesehenen KZ-Häftlinge errichtet. Ab 3. September 1944 bis zur Lagerräumung Ende März 1945 waren hier insgesamt etwa 2000 Häftlinge, aber nie mehr als 1500 auf einmal, eingesperrt gewesen. Unter ihnen waren etwa 35% jüdische Gefangene, vor allen aus Ungarn und Polen. Die Juden standen in der Lagerhierarchie an letzter Stelle. Die KZ-Häftlinge mussten ihr Leben unter unsäglichen, menschenunwürdigen Bedingungen fristen: Untergebracht in winteruntauglichen Holzbaracken auf einem bei Regenwetter schlammigen Platz, magerste Kost wie Wassersuppe, dürftigste Kleidung, oft fehlende Holzpantoffeln und wegen mangelnder Hygienemöglichkeiten verlaust, wurden sie zur Arbeit getrieben und oft nur aus Bosheit bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Als die Alliierten auch dem Lager Kochendorf näher rückten, wurden seine Insassen auf den Todesmarsch ins KZ Dachau geschickt. Insgesamt starben im KZ, bei der Arbeit und auf diesem Marsch mindestens 447 Häftlinge. Ohne die nach dem Krieg exhumierten und in ihre Heimatländer verbrachten Toten liegen sie heute auf dem KZ-Friedhof am Reichertsberg begraben.
Die Ausstellung erfasst an authentischem Ort des Leidens, einer zur Fabrikhalle umgebauten Salzkammer, nahezu alle Aspekte des KZs und der Rüstungsfabrik "Eisbär". Unter den Objekten findet sich eine Opfergalerie mit Bildnissen und Kurzviten, eine Tätergalerie, welche die brutalen Täter wie den Lagerleiter Eugen Büttner zeigt, Teile einer Baracke, ein blau-weiß-gestreifter Häftlingsanzug und Gebrauchsutensilien. Zahlreiche weitere Text- und Bildtafeln erläutern das schrecklich perfektionierte, auch in Kochendorf angewendete NS-Prinzip "Vernichtung durch Arbeit".
Die Ausstellung wird von der Miklos-Klein-Stiftung Bad Friedrichshall getragen, die nach dem wegen vorgeblicher Sabotage im Oktober 1944 von der SS gehängten jüdischen Ungarn und KZ-Häftling Miklos Klein (1907-1944) benannt ist. 2018 erhielt die Stiftung zusammen mit elf weiteren Gedenkstätten des ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof in Baden-Württemberg für gemeinsame grenzüberschreitende Zusammenarbeit das Europäische Kulturerbe-Siegel. (Simon M. Haag)

















