Synagoge Kochendorf, Mühlstraße 12

 

Das 1718 im Besitz einer jüdischen Familie befindliche zweistöckige Wohnhaus am unteren Tor, oder alternativ dem Mühltor, wurde am 18. Mai 1776 von der Witwe des Jacob Manasse an die jüdische Gemeinschaft für 250 Gulden verkauft. Bereits im folgenden Jahr wurde das Gebäude als "Judenschule", also als Synagoge, bezeichnet. Diese wurde 1806/07 durch einen Neubau ersetzt. In seinem Obergeschoss befand sich der Gebetssaal oder auch Predigtraum mit dem Allerheiligsten, das aus einem mit Säulen verzierten, lackierten Thorakasten mit vergoldetem Aufsatz und Betpult bestand. Die untere Etage barg neben anderen Räumlichkeiten das Schulzimmer und eine Küche, in deren Kupferkessel ca. 110 Liter Wasser erhitzt werden konnten. Dieses diente wohl zur Körperreinigung der/des nach ritueller Reinheit Strebenden, bevor sie/er in der hinten am Haus angebauten Mikwe, dem Badehaus, in "lebendiges Wasser" vollständig untergetaucht wurde.

Infolge starken Rückgangs an Gemeindemitgliedern wurde die Synagoge 1925 geschlossen und das Gebäude 1938 von der Evangelischen Kirchengemeinde Kochendorf erworben. Nach der Veräußerung in private Hände wurde das Haus 1949/50 um ein Stockwerk erhöht, womit es seinen heutigen Baukörper erhielt. Der neben dem Eingang eingemauerte Trau- oder Hochzeitsstein mit Davidstern wurde bei den Bauarbeiten wegen seiner starken Verwitterung und, weil er in der Mitte durchgebrochen war, in Verkennung seines rituellen und historischen Werts aus der Mauer entfernt.

Die jüdische Gemeinde des reichsritterschaftlichen Marktorts Kochendorf war im Alten Reich eng mit ihren Glaubensgenossen des umliegenden Deutschordensgebiets verbunden gewesen. Dessen in Mergentheim und Gundelsheim ansässige Rabbiner entschieden sich ergebende Zwistigkeiten über zeremonielle Vorgänge. 1697 erlaubte der Orden dem aus Kochendorf nach Oedheim zugewanderten und durchaus begüterten Moses in seinem Haus eine Synagoge einzurichten, die anfänglich auch von Kochendorfer Juden frequentiert wurde. Von 1744 bis 1745 ließ der Kochendorfer Mayer, der für seine Kinder einen Privatschulmeister beschäftigte, die Judengemeinde ihren Gottesdienst in seinem Haus abhalten. 1766 ist der Judenschulmeister Mordechay Abraham in Kochendorf belegt und 1808 erhielt die Gemeinde mit Callmann Löw einen eigenen Rabbiner. Anlässlich der Regelung der israelitischen Kirchengliederung in Württemberg wurden der Gemeinde Kochendorf 1832 die Filialen Neckarsulm und bis 1839 Oedheim angegliedert und die Gesamtgemeinde dem Rabbinatssitz Lehrensteinsfeld zugeteilt. In Kochendorf verblieb ein Schulmeister, der auch als Vorsänger fungierte.

Im 19. Jahrhundert betrug der jüdische Bevölkerungsanteil Kochendorfs zeitweise fast 10%. Glaubt man den Quellen, soll das Verhältnis zwischen den Nachbarn christlichen und israelitischen Glaubens auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gut gewesen sein. Allerdings trüben verschiedene Vorkommnisse dieses Bild ein: So wurde der mit Holz versperrte Zugang zur Synagoge erst nach Strafandrohungen des Schultheißen wieder frei geräumt und eine Nachbarin ließ neben der Synagoge einen Misthaufen aufsetzen. Sie musste sich verpflichten während der Gottesdienste jegliches Tun damit zu unterlassen.

Den Christen erschienen die jüdischen Gebräuche so manches Mal fremd. Darunter fiel sicherlich auch die anlässlich einer 1823 durchgeführten Brandermittlung zwar irrelevante, aber dennoch erzielte Feststellung, dass mehrere jüdische Familien zum Laubhüttenfest die Dächer ihrer Häuser abgedeckt hatten, um ihre Sukka, die Laubhütte, der zwingenden Tradition nach unter freiem Himmel auf dem Dachboden aufstellen zu können. Sorgte dieses Tun nur für die Verwunderung der Nachbarschaft, sorgte allerdings die nächtliche Illumination der mit farbigem Papier verzierten Hütten mit offenem Licht für eine Verwarnung der jüdischen Gemeinde durch die örtliche Administration. (Simon M. Haag)