Jüdischer Friedhof Kochendorf / Steigerstraße, Eingang Knappenstraße
Erste Nachrichten über jüdische Bewohner im reichsritterschaftlichen Kochendorf datieren aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Nach der Nennung eines jüdischen Hausbesitzers gegen die Mitte dieses Jahrhunderts und nachfolgenden vereinzelten Nachrichten über jüdische Einwohner, mehrte sich ab etwa 1710 deren Seelenzahl. 1807 zählte man 78 Juden im Ort; dies entsprach einem Bevölkerungsanteil von 9,11%. Elf Jahre später konnte mit 9,58% der höchste Anteil verzeichnet werden und in den Jahren 1858 bis 1862 mit 136 Köpfen die höchste reale Anzahl, die bei 1509 Einwohnern 9,01% betrug. Insgesamt lebten im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert über 80 jüdische Familien hier.
Ihre Toten bestatteten die jüdischen Einwohner von alters her in Neckarsulm zusammen mit ihren dortigen Glaubensbrüdern und -schwesten und jenen aus Oedheim. Kamen - wie 1727 - vorübergehend Streitigkeiten zwischen den jüdischen Händlern des reichsritterschaftlichen Kochendorf und dem Deutschen Orden auf, wozu Neckarsulm bis 1805/06 gehörte, begruben die Kochendorfer ihre Verstorbenen auch schon mal auf dem jüdischen Friedhof im kurmainzischen Neudenau. Da ein jüdisches Grab auf ewig Bestand hat, war der Platz in Neckarsulm 1870 eng geworden. Allein seit 1850 hatte die Kochendorfer Gemeinde dort 22 Kinder und 36 Erwachsene beerdigt. Nach längeren, schon 1869 einsetzenden Vorverhandlungen zwischen dem Israelitischen Kirchenvorsteheramt Kochendorf und dem Kochendorfer Magistrat um die Ausweisung eines Begräbnisplatzes erwarb die Israelitische Kirchenpflege Anfang Oktober 1871 von jüdischen Vorbesitzern zwei nebeneinander liegende, schmale Ackerparzellen im Bereich der äußeren Bahnhofstraße, wozu die Gemeinde Kochendorf ein Drittel des Kaufpreises beisteuerte. Das erste Begräbnis auf dem Platz fand 1873 statt.
Nach 1862 war der jüdische Bevölkerungsanteil durch Abwanderung in die größeren Städte wie Heilbronn oder Stuttgart stetig zurückgegangen. 1871 betrug er 5,86%, 1895 nur noch 2,93% und 1925 lebten nur noch 7 Personen jüdischen Glaubens in Kochendorf (0,3%). Die Familie des Viehhändlers und Landwirts Emanuel Herz wanderte 1936 nach Amerika aus, die verbleibenden drei Betagten wurden im Israelitischen Altersheim in Heilbronn-Sontheim untergebracht, als letzte die 1872 geborene Hannchen Herz. Sie und vier weitere in Kochendorf geborene Juden wurden zwischen 1940 und 1943 von der NS-Barbarei ihres Lebens beraubt.
Der jüdische Friedhof in Kochendorf wurde nach 1933 vernachlässigt. Die Grabsteine wurden in der Reichsprogromnacht 1938 umgestürzt. 1960 gab die Stadt Bad Friedrichshall mit finanzieller Unterstützung des Landes Baden-Württemberg dem Friedhof seine würdige Form zurück. Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg inventarisierte 1988/89 die noch vorhandenen 30 Grabsteine, von denen der älteste aus dem Jahr 1874 stammt und der jüngste von 1916 ist. Sie erinnern an Mitglieder der Familien Cahn/Kahn, Eisig, Falk, Herz, Herzberger, Jaffé, Levi, Maier, Neumann, Oppenheimer, Schleßinger und Weissburger. Außer ihnen lebten in Kochendorf die Familien Aaron, Abraham, Amberg, Baruch, Däfele/Defele, Gummersheimer, Gutmann, Hirsch, Jakob, Kallmann, Lazarus, Löw, Maas, Manasse, Mayer, Moses, Nathan, Rosenheimer, Rothschild, Salomon, Schwab, Simon, Stern, Strauß, Süßkind und Weil. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden außerdem zahlreiche jüdische Einwohner in amtlichen Dokumenten nur mit ihren Vornamen und ihrer Glaubenszugehörigkeit bezeichnet. So berichten die Quellen ab 1561 von Aaron und Abraham, David, Frömmle und Gumprecht, Jacob, Isaak und Joseph, Lazarus, Marum und Mencke, Nosen, Schimmel, Veit und anderen, die in Kochendorf lebten und arbeiteten. (Simon M. Haag)






